„Kritische Radtour“ der Stadträte der Freien Wähler Kempten am 10. Juli 2017

Aktuelles Pressemitteilung Nachrichten Radverkehr Pressemitteilungen

Zusammenfassung der wichtigsten Punkte durch Tobias Heilig (stellvertretender Kreisvorsitzender des ADFC Kempten-Oberallgäu)
Trotz Regen ca. 40 Teilnehmer.

Bemerkenswert: Auch Thomas Wilhelm der SPD Kempten nahm teil. Es freut uns, dass hier über politische Fraktionsgrenzen hinweg konstruktiv zusammengearbeitet wird. Nicht wie in anderen Stadtratsfraktionen, die selbst gute Vorschläge aus Prinzip ablehnen, wenn sie vom politischen „Gegner“ kommen.

Aufgeteilt in drei Gruppen bereisten wir folgende Orte in Kempten:

  • Illerstraße
  • Füssener Straße
  • Obere Illerbrücke (Südbrücke)
  • Kreuzung Schumacherring / Kottener Straße
  • Wiesstraße zwischen Schumacherring und Bahnhof
  • Bahnhofstraße zwischen Bahnhof und Forum Allgäu

Anschließend Diskussion im Korbinian mit den Stadträten der Freien Wähler und Markus Wiedemann (Leiter des Amtes für Tiefbau und Verkehr) mit unter anderem folgenden Punkten:

  • Sind die benutzungspflichtigen Radwege und Radfahrstreifen in Kempten überhaupt alle Regelkonform (z. B. Mindestbreite, Abstände zu parkenden Autos)?
    Zum Beispiel fahren viele Alltagsradler in der Füssener Straße stadteinwärts (bergab) lieber auf der Straße als auf dem Hochbordradweg (wegen hohen Tempos bergab, Gefahren durch parkende Autos, Hausausgänge und Grundstücksausfahrten). Auch der Radfahrstreifen in der Immenstädter Straße stadteinwärts (bergab) wird von vielen Radfahrern gemieden, weil man dort zu wenig Abstand zu parkenden Autos hat.
    Laut Herrn Wiedemann wird in Kempten mit den Regelbreiten der Richtlinien geplant.
    [Anmerkung Tobias Heilig:
    Ich habe nochmals in den ERA 2010 nachgelesen. Dort steht auf Seite 16:
    „Breite von Einrichtungsradwegen (jeweils einschließlich Markierung):
    Regelmaß 2,00 m + 0,50–0,75 m Sicherheitstrennstreifen zur Fahrbahn oder 0,75–1,10 m Sicherheitstrennstreifen zu parkenden Kfz.
    Breite von Radfahrstreifen (jeweils einschließlich Markierung):
    Regelmaß 1,85 m + 50–75 cm Sicherheitstrennstreifen zu parkenden Kfz.
    Breite von Schutzstreifen (jeweils einschließlich Markierung): Regelmaß 1,50 m, Mindestmaß 1,25 m, + 25–75 cm Sicherheitstrennstreifen zu parkenden Kfz.“
    Somit sind in Kempten sehr viele Radwege, Radfahrstreifen und Schutzstreifen nicht Regelkonform. Wenn der Platz für Radfahrstreifen in Regelbreite nicht ausreicht, wäre Mischverkehr auf der Fahrbahn bei Tempo 30 zu bevorzugen.]

  • Vielfach wurden schlechte Ampelschaltungen für Radfahrer kritisiert, bei denen man als Fußgänger und Radfahrer teilweise bis zu zwei Umläufe der Ampelphasen benötigt.
    Beispiele: Kreuzung Schumacherring / Kottener Straße, Füssener Straße bei der St.-Mang-Brücke, vom Berliner Platz über die Kaufbeurer Straße zum Schumacherring.
    Herr Wiedemann sagte, dass die Politik vorschlagen könne, versuchsweise über einen Zeitraum von z. B. 4 Wochen diese Ampelschaltungen für Fußgänger und Radfahrer zu verbessern, um zu beobachten, wie sich dies auf die Leistungsfähigkeit des Kfz-Verkehrs auswirkt und ob es Nachteile für den ÖPNV bringt.

  • Ebenfalls kritisiert wurde der häufige Wechsel der Führungsformen des Radverkehrs. Hier wären durchgängige Radverkehrsführungen wünschenswert.
    Nach Meinung der Stadträte der Freien Wähler läge dies häufig am Bestand. An manchen Streckenabschnitten könne man zwar leider nichts machen. Grundsätzlich müsse man sich in Zukunft aber vom Bestandsdenken lösen und offen für völlig neue Konzepte sein. Dabei müsse nicht überall der Kfz-Verkehr über allen anderen Verkehrsteilnehmern stehen.

  • Auch die Tankstelleneinfahrten (z. B. am Adenauerring oder an der Lindauer Straße) wurden kritisiert. In die Tankstellen einfahrende Autofahrer übersehen häufig Radfahrer auf dem Radweg.
    Ein Teilnehmer schlug vor, in diesen Bereichen den Radverkehr vom Hochbordradweg auf die Straße zu verlegen. Das sei vor allem für trainierte Alltagsradler besser. Darauf kam die Gegenfrage, welche Eltern ihre Kinder auf einer Hauptstraße wie dem Ring fahren lassen würden – sicherlich keine.
    Die Antwort der Stadträte und von Herrn Wiedemann war, dass es hier wie immer um Prioritäten, Kompromisse und Abwägungen ginge, und dass man als Radfahrer an solchen Stellen halt mal langsamer fahren müsse.
    [Anmerkung Tobias Heilig:
    Eine Möglichkeit wären bauliche Anhebungen der Querungsfurten durch Aufpflasterungen von Radwegen und Gehwegen in den Einmündungsbereichen (niveaufrei für den Radverkehr). Die Stadt Oldenburg hat damit gute Erfahrungen gemacht.
    (siehe „Sicher radeln – Förderung der Radverkehrssicherheit in der Stadt Oldenburg“ in „KOMMUNE heute – Urbane Mobilität“ von Henning Witzel, Juli 2015, issuu.com/henningwitzel/docs/kh_urbanemobilitaet_final/11)]

  • Ein weiterer Kritikpunkt war das Fehlen eines Radroutennetzes (auch Radverkehrskonzept oder Radverkehrsplan genannt).
    Laut Herrn Wiedemann sei dies mit dem Mobilitätskonzept 2030 in Arbeit und werde in der Planungswerkstatt am 26. Juli thematisiert.

  • Der Vorschlag der Freien Wähler, die Wiesstraße zwischen Bahnhof und Forum Allgäu zur Fahrradstraße zu machen, kam gut an.
    Herr Wiedemann gab zu bedenken, dass an der Hochschule über 6000 Studenten seien und deshalb eine gute Radverkehrsanbindung in der Bahnhofstraße zwischen Hochschule und Forum Allgäu nötig sei.
    Möglicherweise brauchen wir beides.

  • Zum Kritikpunkt, dass am Adenauerring zwischen Robert-Weixler-Straße und Haubensteigweg in beide Richtungen kein Radweg ist, wurde von den Teilnehmern vorgeschlagen, Alternativrouten auszuschildern (z. B. über den Robert-Koch-Weg in die eine und über die Westendstraße in die andere Richtung). Derzeit steht man dort einfach vor dem Ende des Radweges und weiß nicht wie man weiter soll.
    Die Stadträte erwähnten hierzu noch, dass das städtische Tochterunternehmen Sozialbau das Grundstück des ehemaligen Lazaretts am Haubensteigweg besitze und die Stadt Kempten dort einen schönen Radweg entlang der Calgeer-Anlage plane.

  • Ein Teilnehmer fragte nach der Radverkehrsunfallstatistik für Kempten.
    Herr Wiedemann erläuterte, dass es in Kempten keine besonderen Unfallschwerpunkte gäbe und Kempten im Vergleich mit anderen gleichgroßen Kommunen unauffällig sei. Die einzigen bekannten Problemstellen seien die Kreuzung der Kaufbeurer Straße mit der Peter-Dörfler-Straße sowie der Berliner Platz. Hier sehe er Handlungsbedarf.

  • Stadtrat Klaus Knoll von den Freien Wählern erwähnte, dass in der kommenden Sitzung des Verkehrsausschusses (am 17. Juli) erneut über eine Freigabe der nördlichen Bahnhofstraße für den Radverkehr abgestimmt wird. Bei der letzten Abstimmung vor zwei Jahren stimmte er selbst gegen eine Freigabe. Heute erkennt er, dass dies eine falsche Entscheidung war und bedauere diese. Dieses Mal wird er für die Freigabe stimmen.
    Hoffentlich folgen ihm viele andere Stadträte.

© ADFC Kempten / Oberallgäu 2017